| Thomas Schubert schreibt KAFFEESÄTZE Gestern im Café Satz gelesen: Kaffeesatzlesen hat keine Zukunft. Eine Tasse Kaffee ein immer neues Versprechen, das nicht gebrochen wird. Eine Tasse Kaffee hat mich noch nie enttäuscht. Wien, Berlin, Turin eine Melange von Orten, wo Menschen Kaffee trinken, versammelt sich in meinen Gedanken, wenn Sie über den Tassenrand hinwegschweifen. Fröstelnde Hände umklammern das Porzellan und die Kälte des Winters weicht zurück vor den erwärmenden Verlockungen Afrikas, Arabiens, Mittel- und Südamerikas. Der Blick der Schönen, die am Schaufenster vorübergeht. Flüchtig wie die Prise Zucker im Cappucinoschaum. Die Stadt wischt sich den Schlaf aus den Fenstern. Der erste Dampf aus der Kaffeemaschine zischt jedes morgendliche Gähnen fort. Das Flüstern eines jungen Liebespaares zerkrümelt zwischen den übrigen Stimmen. Wenn sie aufstehen und gehen, bleiben minutenlang Spuren ihrer Nähe auf dem kleinen Tisch zurück. Wie die Bätterteigreste des Croissants, in das sie beide gleichzeitig bissen vor dem ersten Kuss. Im Kaffeehaus sitzen und das Denken verlieren, einzig noch dem Impuls der Augen vertrauen, die jeder Bewegung folgen. Aus der Tasse atmet ein wunschloser Tag, der die Endlosschleife eines Schnappschusses ist. Der therapeutische Effekt, Zeit darauf zu verwenden, sie zu verschwenden. Zigarettenasche, die in Zeitlupe zu Boden fällt. Dieser kurze Gedanke an deine Lippen ist wie jenes behutsame Nippen. Der leichte Löffel Gelassenheit, mit dem man unverhofft die Schwere des Lebens umrührt bis es sich leicht im Kreise dreht. Als ließe man seine Schwermut wie ein betrübtes Kind so lange Kettenkarussell fahren bis ihm vor Freude schwindelig wird. Die überanstrengten Augen schließen, ganz mit den anderen Sinnen genießen: Greifen, riechen, schlucken, schmecken, in sich hinein horchen, das alter ego entdecken, schweigen. Der Welt das Unsichtbare zeigen. Auf dem Grund der Tasse bereits der Bodensatz des soeben begonnenen Tages. Vom Nebentisch ein Rauchkringel, der zur Decke steigt und für ein Momentum die Blicke aller Nichtraucher auf sich zieht, zu denen ich neuerdings auch gehöre. Blick durch die regennasse Scheibe, der keinen Punkt findet, keinen Halt, umherstreunt wie ein verjagter, nasser Hund, der Schutz sucht in einem Hauseingang gegenüber des Coffee-Shops. Es scheint, als würden Augen immer Unterschlupf suchen, um etwas von einem selbst zu verbergen. Der röstfrische Geruch meiner Seele an diesem Morgen, die nichts weiter erwartet, nicht mehr verlangt als in aller Ruhe aufzuwachen und sich mit dem langsam einstellenden Körpergefühl abzugleichen. Die Augen aufschlagen wie die druckfrische Zeitung. Ein erster Schluck Schlagzeilen, heiß noch, dass man sich fast den Blick verbrüht an den Neuigkeiten, bevor man sie für den nächsten Gast dort an die Wand zurückhängt. Der tapfere Kampf des beredten Weiß gegen die geschwätzige Druckerschwärze. Wie der Milchwirbel, der sich auflöst im Auge des Kaffeehurrikans die einzige Nachricht, die verläßlich auf jeder neuen Titelseite steht. Coffee-Shop, vertraute Kakophonie, das Perpetuum Mobile aller Geräusche: Mahlen, Blubbern, Zischen, Klirren, Kichern, Klappern, Fauchen, Klimpern, Flüstern, Rasseln, Klicken, Ticken, Räuspern, Knacken, Hupen, Klacken, Tuscheln, Krachen, Klingeln, Scheppern, Lachen, Rascheln, Singen, Bellen, Murmeln, die versammelten, überlappenden Stimmlagenfetzen von Sopran bis Bariton in Dur und Moll. Und dort an einem Platz in der Ecke die gleichmäßige Stille meines Atems, die sich ganz vorsichtig darunter mischt, um die Lebendigkeit nicht zu stören. Nirgends stellt sich das Gefühl von Geborgenheit schneller ein als dort, wo dich jeder - ohne deinen Namen zu kennen - wie einen alten Freund begrüßt mit einem leichten Nicken, dem Zucken einer Augenbraue oder dem Ansatz eines Lächelns. Nirgends empfindest du dich mehr willkommen als hier, wo dir der Wunsch nach der ersten Tasse Kaffee erfüllt wird, noch bevor du ihn aussprechen kannst. Es ist das einzige Ritual, das du zulässt, weil es dich lässt. Es ist diese zugewandte, stille Einvernehmlichkeit und das beinahe blinde Verständnis, dieses Maß an bedingungslos respektvoller Vertraulichkeit und Zugehörigkeit in unangetasteter Freiheit, die dich sprachlos macht vor, nennen wir es ausnahmsweise einmal so, Glück. Es kann kein Zufall sein, dass wir vielen der Ärmsten eine der größten Kostbarkeiten verdanken. Irgendwann werden wir dieses Geschenk zurückgeben müssen, unsere Privilegien eintauschen für Ihr Wohlergehen, Kaffeebohne für Kaffeebohne. Herzenswärme üben: Gib einem frierenden Bettler eine Tasse Kaffee und er wird aussehen wie ein König, der dich als König ansieht. Der leichte Flaum von Schaum, den allmorgendlich die eigene Zunge wegwischt. Und wie man sich wünscht, dass es diesmal der Kuss einer Fremden wäre, die durch diese Intimität zur Vertrauten würde. Und wie ihr Mund dann verspricht, jeden neuen Morgen auf diese Weise zu beginnen. Kaffee ist es egal, ob die Uhren auf Sommerzeit oder Winterzeit eingestellt sind. Kaffee ist der eigentliche Zeitmesser, der von den filigranen Zahnrädchen deiner Intuition gesteuert wird. Der Keks, das Stückchen Schokolade oder eine andere Süßware auf der Untertasse. Eine Freundlichkeit, Großzügigkeit, die sicher gut gemeint, aber überflüssig ist für jeden wahren Kaffeegenießer. Denn keine Zugabe kann etwas zum solitären Aroma des Getränkes beitragen, geschweige denn es verbessern oder gar veredeln. Warum Orthodoxe in den Kaffeetempeln dieser Welt auch den Versuchungen jedweder Beigabe widerstehen. Obwohl gelegentlich dann doch der eine oder andere streng Kaffeegläubige zu Amarettini oder Cantuccini tendiert, aber niemals volständig konvertiert. Der Hund, der zu meinen Füßen liegt, scheint um die Bedeutung der Kaffeekultur zu wissen. Noch nie hat er auch nur ansatzweise die Ruhe und Muße der Anwesenden durch ein Jaulen oder Bellen gestört. Ein gelegentliches Wedeln des Schwanzes, das aber einzig Ausdruck seiner Ergebenheit für Herrchen ist, gehört zu den Gesten, die weder in meinen noch in den ungetrübten Genuss anderer Gäste eingreifen. Geduld und Zurückhaltung des Tieres, seine Integrations- und Assimiliationsfähigkeit sind vorbildlich, er zollt der Rasse der hier versammelten Menschen einen Respekt, der umgekehrt von Mensch zu Tier und insbesondere unter den Menschen wünschenswert wäre. Einzig sein Atem, der ab und an in einen leichten Seufzer der Zufriedenheit überschnappt, strömt ganz gleichmäßig mit einem kaum wahrnehmbaren Ton der Zugehörigkeit durch seine Lefzen. Um ihn und sein Verhalten in diesen ausgedehnten Café-Sessionen angemessen zu würdigen, würde ich dieses verhaltensforschungsrelevante Erkenntnis gerne als den heimlichen animalischen Rhythmus des menschlichen Kaffeegenusses bezeichnen. Ein natürliches Produkt im Kreislauf der Natur. Der Kaffeesatz auf dem Komposthaufen. Selbst als Abfall noch nützlich und wertvoll. Nährt die Parasiten und Bakterien, die als Dünger Wachstum vollbringen. Wieviele Pflanzen verdanken ihr Grün, wieviele Blumen verdanken ihr Bunt dem gemahlenen Braun, das der Erde alle Ehre macht. Fast ein Frevel: In einem Coffee-Shop Tee trinken. Es gab eine Zeit, da bedeutete eine Tasse Kaffee beinahe so etwas wie Wohlstand. Ich fürchte, wir sind kurz davor, dass sich Geschichte wiederholt. Manche Menschen brühen sich zu Hause einen guten Bohnenkaffee auf, ganz herkömmlich noch und schlicht, ohne all den übertriebenen technologischen Schnickschnack, also mit Kanne, Porzellanfilter, Flötenkessel fürs Wasser. Ihnen gehört meine Sympathie, denn sie wissen den heute für viele selbstverständlichen Genuss noch als etwas Besonderes zu schätzen und zelebrieren das Geschehen beinahe wie einen Kult. Und doch bedauere ich sie mehrheitlich. Denn dieser seltenen Spezies fehlt oft die Gesellschaft, diese ganz spezielle Intimität, die den gravierenden Unterschied zu ihrer Anonymität macht. Sie wissen wenig bis nichts von diesem kollektiven, konspirativen Gefühl, das mich befällt, wenn ich ein Kaffeehaus betrete und meinen Platz in der Gesellschaft finde und einnehme, die sich allein über das Prinzip von Leben und leben lassen ohne jede Regulierung und Verabredung zusammenfindet. Die friedlichsten Szenen in Western sind stets die, wo ein paar Cowboys um ein Lagerfeuer sitzen und aus Metallbechern kochend heißen Kaffee trinken, frisch aufgebrüht über der Feuerstelle. In einem einfachen Strassencafé von Lissabon einmal voller Staunen beobachtet und belauscht, wie ein Millionär und ein Bettler ganz selbstverständlich und ohne jeden Klassendünkel beieinander am Tresen standen und über das Leben philosophierten als gäbe es zwischen den beiden keine Unterschiede. Das Erstaunlichste jedoch war die Tatsache, dass der Bettler den Kaffee des Millionärs mitbezahlte. Ich habe selten einen respekt- und würdevolleren Moment menschlichen Miteinanders erlebt. Wo es nach Kaffee duftet, liegt weder Argwohn noch Hinterlist in der Luft. Vor dem Boom der Coffee-Shops gab es nur die oft ungemütlichen Bäckereien oder Läden von Kaffeevertreibern, in denen das unbestreitbare Vergnügen einer guten Tasse Kaffee durch das zweifelhafte Vergnügen eines kleinen, wackeligen Tisches in noch zweifelhafterer Gesellschaft getrübt, um nicht zu sagen gemindert wurde. Denn das hoch geschätzte Aroma verbreitet sich nicht zuletzt im Verhältnis des Getränkes zur Aura oder Atmosphäre eines angemessenen Ambientes und eines Publikums, das sich dem Genuss auch als würdig erweist. Wie gut, dass Kaffeesüchtige wie ich heutzutage an jeder Strassenecke einen guten Koffeindealer finden. Mich würde interessieren, ob James Bond seinen Kaffee geschüttelt oder gerührt trinkt. Auf Jamaica finden Kaffeepflanzen ideale geophysische und klimatische Bedingungen. Kein Wunder also, dass die von dort stammenden Sorten zu den besten der Welt gehören. Kiffende, Reggae singende und tanzende Kaffeebohnen können ja nur Glücksgefühle verbreiten. Kulturschock Kneipen-Kaffee. Am schlimmsten die letzte muffig riechende Tasse, wenn aus einer wasserfleckigen Glaskanne mit unübersehbaren Kaffeestandsstreifen eine finstere, verbrannte Brühe eingegossen wurde, die auf der Wärmhalteplatte der Kaffeemaschine bereits Stunden vor sich hingeköchelt hatte. Eine teerschwarze Flüssigkeit, die selbst durch die massenweise Zugabe von Milch kaum erhellt wurde und nur zögerlich eine braunähnliche Farbe annahm. Der bittere, schale Ungeschmack, der selbst durch das Beimischen von Unmengen Zucker nicht zu retten war. In der Regel allerdings war der Kaffee meist schon durch die Kondensmilch aus dem kleinen Plastikdöschen ruiniert, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum längst überschritten hatte. Aber, dieses unsägliche Getränk verjagte die Müdigkeit und förderte die Konzentrationsfähigkeit der Pool-Billard-Spieler, für die es hier um alles ging: Als Champion am Tisch zu bleiben und auch dem nächsten Herausforderer, der sich an der Tafel in die Liste der Kreidenamen geschrieben hatte, die es einen nach dem anderen auszulöschen galt. Ohne Kaffee wäre so mancher Filmklassiker oder Kultfilm um wichtige Szenen oder ganze Settings ärmer gewesen. Man denke nur an „Zeugin der Anklage“, wo Tyrone Power jr als GI mittels Bohnenkaffee Herz und Vertrauen der Barsängerin Marlene Dietrich gewinnt. Man stelle sich „Casablanca“ und seine Protagonisten ohne das berühmte „Rick´s Cafe Americain“ vor oder „Green Card“ ohne die wunderbare Schlußszene, wenn das Gesicht von Gerard Depardieu an der Fensterscheibe des Cafes auftaucht, in dem Andie MacDowell gedankenverloren sitzt, und wie sie sich dann anblicken und aufeinander zulaufen, um sich in die Arme zu schließen vor dem unvermeidlichen Abschied. Oder zuletzt auch Jim Jarmusch´s poetische, heiter-skurille bis melancholisch-weise Hommage an „Coffee and Cigarettes“. Ein Panoptikum von Charakteren, als würden sich die unterschiedlichen Kaffeesorten in ausgewählten menschlichen Figuren vorstellen. Wie verührerisch die Kaffeebohnen einmal sein werden, deuten die reifen Kaffeekirschen bereits an. Das tiefe Rot, das sich mit der glühenden Abenddämmerung vermischt, ist bereits die Verheißung einer brennenden Leidenschaft, die spätestens im Moment der Begegnung mit kochendem Wasser eingelöst wird. Einen blöden Witz aufgeschnappt: Woran erkennt man das Lieblingscafé von Außerirdischen? Überall fliegende Untertassen. Cafetiero, ergo sum Ein Kiez-Café unmittelbar vor der verhassten Sperrstunde. Stapelweise Kaffeetassen, Cognacschwenker letzte Runde. Seit dem späten Nachmittag sitzen die Männer dort, nippen an geistigen und Heißgetränken, an Gott, Welt und Kippen, und hängen einander an den fiebrigen, den rastlosen Lippen, die zwischen Kaffeestreuer, Aschenbecher, Marmorkuchen das Leben, alle und alles zu begreifen, zu erklären suchen, im Allgemeinen, im Besonderen samt Freiheit, Frieden, Leid, als Gegengewicht die Liebe natürlich und die Zeit, die Zeit - Zeit aufzustehen, fortzugehen aus dem Refugium im Revier, dem Universum der Gedanken und Gespräche, Lebenselixier wie Kaffee und Weinbrand in diesem Cafe, hier sind wir wesentlich: Platon, Sokrates, Kant, Descartes, Nietzsche, Jaspers. Und ich. Für die Kriegsgenerationen hatte Kaffee im wahrsten Sinne des Wortes das Aroma von Luxus. Vor allem in der Besatzungszeit galt Kaffee als rares, weil rationiertes Produkt und daher als wertvolles Gut, das zu bekommen nur möglich war, wenn man erstens jemanden kannte, der es hatte oder beschaffen konnte (in der Regel amerikanische Soldaten), wenn man zweitens etwas entsprechend Wertvolles besaß, dass man dagegen eintauschen konnte , und wenn man drittens über genügend Verhandlungsgeschick verfügte, um den Kaffeeanbieter von einem solchen Tauschgeschäft zu überzeugen. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, dass der Genuss von Kaffee für ältere Menschen selten selbstverständlich scheint. Oft ist der erste Schluck Kaffee bei ihnen unmittelbar mit der Erinnerung an Erlebnisse und Begegnungen aus Kriegstagen verbunden, als würde die Bitternis der Bohnen, die tiefe Schwärze des Getränkes all die Bilder von Angst und Schrecken, Zerstörung und Trümmern, Abschied und Verlust hervorholen aus den Katakomben und Bunkern des Gedächtnisses. Aber wenn sie dann Furcht und Schmerz auflösen durch Milch und Zucker, erhellt und versüßt es ihnen das Dunkel mit der Freude darüber, überlebt zu haben, Trost und neue Hoffnung gefunden zu haben und die Chance auf einen Neubeginn. So wird das Besondere dieser Zeit immer wieder erkennbar durch die Zeitzeugen und ihre wertschätzende Art, Kaffee mit dem Beigeschmack erlebter und erlittener Entehrungen und Entbehrungen zu geniessen. Es kann geschehen, dass man auf der Durchreise nach Andalusien ist und unterwegs Halt macht in einem spanischen Kaff, dessen Namen man noch nie gehört hat, aber niemals mehr vergessen wird. Genauso wenig wie das Gesicht des Einheimischen, der einen auf einen Carajillo einlädt. Man sitzt mit ihm unter der Mittagssonne in einer kleinen Bodega eines spanischen Kaffs sitzt und verständigt sich zuerst mit den Blicken der noch Fremden und den Gesten der Hände, die einen bereits vertrauter machen. Und dann lernt man die ersten Brocken Spanisch und der Einheimische die ersten Wörter Deutsch und es Carajillo und nach dem soundsovielten ist das angestrebte Ziel an der Costa de la Luz längst uninteressant, man ist bereit, es gänzlich zu vergessen, weil man ein nicht erahntes Zuhause gefunden hat in einem von der Welt vergessenen Dorf am Meer, einen trinkfesten, ehrlichen, zahnlosen Freund für den Rest seines Lebens und die von Hitze, Salzluft und hochprozentigem Kaffee nachdrücklich empfohlene Erfahrung, sich täglich den unvergleichlich erholsamen Annehmlichkeiten der Siesta anzuvertrauen. Aus der sicheren Deckung seiner Ray-Ban-Festung kann er ungestört und ungestraft seiner Vorliebe fürs Beobachten, ja zugegeben, seinem ausgeprägten Sinn fürs Spannertum frönen, die in den Straßencafés der Welt umfassendste und vielseitigste Befriedigung erfährt. Beim Cappuccino gibt er sich dem sinnlichen Geknister von Mimikry und Gesten hin, dem pantomimischen Gewerbe, das in den besten Momenten eine elektrisierende kaum wahrnehmbare Bewegung und Andeutung einer Person ist, die ein Subjekt ihrer Begierde kurz und fest und sicher fixiert wie ein Raubtier und dann scheu davonspringt wie ein aufgescheuchtes Reh. Eine Latte macciato weiter kann sich der Schreiberling einem der schlimmsten Fälle von direkt versuchter Kontaktaufnahme nicht entziehen, wird er ungewollt Zeuge eines plumpen Balzverhaltens, das sich mit ungelenker Bodybuilderathletik zwischen den Kaffeestühlen Bahn bricht und ein weibliches Opfer ansteuert, das mit seinen nicht zu übersehenden Reizen offensichtlich das zentrale Nervensystem des Hünen in höchste Vibrationen versetzt hat. Rechtzeitig schrillen die Alarmsirenen der Schönen, um die Unbedachtheit der von ihr ausgesendeten Zeichen zu korrigieren. Ein leichtes Kopfnicken, das kurze Zuschlagen der Augenlider und die Tausendstelsekunde eingefrorener Mundwinkel verjagen den Kraftsportler auf Beutezug und lassen ihn mit dem eingravierten Lächeln in der Machomaske kehrt machen und weiterziehen zum nächsten Kaffee-Kontakthof, einer Eisdiele, die jüngeres, unerfahrenes Wild im Gehege der Tische, Stühle und Sonnenschirme zum Abschuß freigibt. Wie dort manche Mädchen ihre Beine übereinanderschlagen, ihre unverfroren selbstbewußte Weiblichkeit auf die Promenade und in die Gassen verströmen, wundert es, dass die dazwischen hin und her eilenden italinienischen Kellner nicht öfter Kaffee übers Kopfsteinpflaster verschütten. Der Espresso ristretto zum Abschied mischt der klebrigen Süße des Tages eine wohltuende Bitterkeit bei, die den Poeten wieder zur Besinnung kommen lassen. Gerade rechtzeitig. Denn in dem Augenblick, wo er die Münzen auf den Tisch legt, stöckeln ein paar Frauenbeine in sein Aufstehen und versperren ihm den Weg in die Freiheit der Abenddämmerung. Die Entschuldigung, die über die roten Lippen kommt, erfolgt in einer Stimmlage, bei der sich die Härchen auf seiner Haut aufstellen. Er nimmt die Sonnenbrille ab, blickt ihr für einen langen Moment in die kaffeebraunen Augen, wo er eine ihm bekannte, sehr vertraute weiße Wolke vorüberziehen sieht. Er widersteht der Versuchung ihres Atems, ihres Duftes, ihres Dekolletés und des Mundes, der alles von ihm will, hier und jetzt oder nie. |
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